Politische Wirtschaftslehre
                                  &
                      Vergleichende Politikfeldanalyse

Demographie

von Stephan Eissler

Zusammenfassung


Die Demographie bzw. Bevölkerungswissenschaft befasst sich mit dem Leben, Werden und Vergehen menschlicher Bevölkerungen, sowohl mit ihrer Zahl als auch mit ihrer Verteilung im Raum und den Faktoren, insbesondere auch sozialen, die für Veränderungen verantwortlich sind. Die Erforschung der Regelmäßigkeiten und Gesetzmäßigkeiten in Zustand und Entwicklung der Bevölkerung wird mit Hilfe der Statistik erfasst und gemessen.

Dabei vereinigt die Demographie Elemente von Soziologie, Geographie, Medizin und Ökonomie. Sie beinhaltet die Untersuchung menschlicher Populationen, analysiert Größe, Zusammensetzung, Verteilungen, Dichte, Wachstum und andere Eigenschaften von Populationen sowie ihre Veränderungen und betrachtet deren Ursachen und Folgen.

(Quelle dieser Zusammenfassung: Berlin-Institut für Weltbevölkerung und globale Entwicklung)

demographischer Wandel

Unter demographischem Wandel versteht man alle Veränderungen in der Struktur der Bevölkerung eines Landes, die grundlegender Natur sind, d.h. über einen längeren Zeitraum hinweg ihre Zusammensetzung nachhaltig und nicht nur vorübergehend ändern. Dazu zählen beispielsweise sinkende Geburtenraten oder auch die Steigerung der Lebensdauer in den meisten Industrieländern.

Für Deutschland sagen Experten einen Bevölkerungsrückgang bei einer gleichzeitig sinkenden Zahl jüngerer Erwerbsfähiger voraus. Diese Veränderungen wirken sich vor allem auf die Arbeitswelt und die sozialen Sicherungssysteme aus, die an diese veränderten Entwicklungen angepasst werden müssen. Die aktuellen Reformen der Bundesregierung leisten hierzu einen wichtigen Beitrag.

Auch für Unternehmen bedeutet der demographische Wandel Veränderungen: Bei der Suche nach betrieblichem Nachwuchs kann es zu Engpässen kommen, bei gleichzeitiger Erhöhung des Durchschnittsalters der Belegschaft.

(Quelle zum Stichwort "demographischen Wandel": Initiative Soziale Marktwirtschaft)

demographischer Übergang

(auch demographische Transformation, demographische Transition, engl. demographic transition) Unter dem Begriff demographischer Übergang wird in der Demographie der Versuch zur Erklärung von Veränderungen in der Bevölkerungsentwicklung von Staaten bzw. Gesellschaften anhand von Entwicklungsmodellen verstanden. Im Allgemeinen bezeichnet der demographische Übergang den historischen Prozess des Übergangs von hohen zu niedrigen Geburten- und Sterberaten.

Allgemein lassen sich heute mindestens vier verschiedene Phasen der demographischen Transition unterscheiden (vgl. dazu das Berlin-Institut für Weltbevölkerung und globale Entwicklung):

  1. Vormoderne Gesellschaften: Die Geburtenhäufigkeit ist, aufgrund der Abwesenheit von Geburtenplanung, hoch. Gleichzeitig liegt jedoch auch die Sterblichkeit durch Verletzungen und Krankheiten auf einem hohen Niveau. Die Lebenserwartung ist gering. Bevölkerungswachstum findet deshalb in dieser Phase kaum statt.
  2. Sich entwickelnde Gesellschaften: Durch Fortschritte bei der Nahrungsproduktion und -verteilung, der Verbesserung der Lebensbedingungen, später auch durch medizinischen und hygienischen Fortschritt, sinkt die Sterblichkeit, insbesondere die Kindersterblichkeit, deutlich und die Lebenserwartung steigt. Die Fertilität bleibt jedoch zunächst hoch. Dadurch entsteht ein erheblicher Geburtenüberschuss in der Population, der zu einem raschen Bevölkerungswachstum führt.
  3. Entwickelte Gesellschaften: Veränderte gesellschaftliche Bedingungen (Übergang von agrarischer zu industrieller Produktion, Alterssicherungssysteme) kompensieren die sozio-ökonomische Notwendigkeit hoher Kinderzahlen. Die Fertilität geht allmählich zurück und erreicht schließlich das bereits niedrige Niveau der Mortalität. Die Bevölkerungszahl ist schließlich wieder weitgehend stabil.
  4. Postmoderne Gesellschaften: Die Fertilität geht noch weiter zurück und sinkt dauerhaft unter das Ersatzniveau. Die Bevölkerung altert und schrumpft.

Weitere Stichworte zum Themenkomplex "Demographie"

Die nachfolgenden Stichworte stammen aus dem Glossar "Demographische Begriffe" (erschienen in: Informationen zur politischen Bildung, Heft 282)

Altenquotient

Zahl der Menschen im Alter von 60 und mehr Jahren auf 100 Menschen im Alter von 20 bis unter 60. Statt der Altersschwellen 20/60 werden gelegentlich auch andere Schwellen wie 15/65 verwendet.

Bestandserhaltungsniveau der Geburtenrate

Diejenige Geburtenrate, die bei einem bestimmten Niveau der Mortalität langfristig die gleiche Zahl von Geburten und Sterbefällen zur Folge hat, so dass die Bevölkerungszahl (ohne Wanderungen) konstant ist.

Bevölkerungsbilanz

Beispiel für eine Bevölkerungsbilanz: Bevölkerungszahl am 31. Dezember 2004 = Bevölkerungszahl am 31. Dezember 2003 plus Zahl der Lebendgeborenen abzüglich Zahl der Sterbefälle plus Zahl der Zuwanderungen aus dem Ausland abzüglich Zahl der Abwanderungen ins Ausland (jeweils im Verlauf des Jahres 2004).

Demographische Alterung

Anstieg des Durchschnittsalters einer Bevölkerung, gemessen durch den Altenquotienten oder das Medianalter.

Eigendynamik der Bevölkerungsentwicklung

Hat eine Bevölkerung eine junge Altersstruktur, dann kann dies zu einem jahrzehntelangen (wenn auch nicht dauernden) Bevölkerungswachstum durch Geburtenüberschüsse führen, obwohl die Fertilität bereits unter das Bestandserhaltungsniveau gefallen ist. Umgekehrt kann die Bevölkerung vorübergehend weiter schrumpfen, selbst wenn die Geburtenrate von einem niedrigen Wert aus bis über das Bestandserhaltungsniveau ansteigt. Der Einfluß der Altersstruktur auf Wachstum bzw. Schrumpfung der Bevölkerung wird auch mit den Begriffen "Schwung" und "Trägheit" der Bevölkerung umschrieben.

Fertilität

Fortpflanzungsverhalten einer Bevölkerung. Zur Messung der Fertilität dienen die Fertilitätsraten wie die Zusammengefasste Geburtenrate (siehe dort) und die jahrgangs- oder generationsspezifische Geburtenrate.

Geburtenbilanz


Differenz zwischen der Zahl der Lebendgeborenen und der Zahl der Sterbefälle in einem bestimmten Zeitraum (meist Kalenderjahr). Ist die Differenz positiv (negativ), wird von Geburtenüberschuss (-defizit) gesprochen.

rohe Geburtenrate und altersspezifische Geburtenrate

Im Deutschen wird der Quotient "Lebendgeborene auf 1000 Einwohner" als "rohe Geburtenrate" oder als "rohe Geburtenziffer" bezeichnet. Wird diese nach den einzelnen Altersjahren des gebärfähigen Alters (15-45) untergliedert, ergeben sich die 31 "altersspezifischen Geburtenziffern" (Lebendgeborene pro Frau in einem bestimmten Alter auf 1000 Frauen dieses Alters).

generatives Verhalten

Gesamtheit aller ökonomischen, sozialen, kulturellen, psychologischen und rechtlichen Handlungs- und Verhaltensbedingungen, einschließlich der Ziele und Wertvorstellungen der Menschen, von denen die Fertilität, gemessen durch die Zahl der Lebendgeborenen pro Frau/Mann, beeinflusst wird.

Jugendquotient

Zahl der unter 20-Jährigen auf 100 Menschen im Alter von 20 bis unter 60. Statt der Altersschwellen 20/60 werden gelegentlich auch andere Schwellen wie 15/65 verwendet.

Medianalter

Jede Bevölkerung lässt sich nach dem Alter in eine jüngere und eine ältere Hälfte teilen, das entsprechende Teilungsalter wird als "Medianalter" bezeichnet.

Mortalität

Niveau der Sterblichkeit in einer Bevölkerung. Die Mortalität wird durch verschiedene demographische Kennziffern gemessen, zum Beispiel durch die alters- und geschlechtsspezifischen Sterberaten (bzw. -ziffern), das Medianalter und die Lebenserwartung.

Sexualproportion

Zahl der Einwohner männlichen Geschlechts auf 100 Einwohner weiblichen Geschlechts. Die Sexualproportion bei der Geburt beträgt rund 106 Jungen auf 100 Mädchen.

(rohe) Sterbeziffer (-rate)

Die Sterberate oder -ziffer ist analog zur Geburtenrate (bzw. -ziffer) als Zahl der Sterbefälle auf 1000 Einwohner definiert (rohe Sterberate bzw. -ziffer). Bei Untergliederung des Zählers und Nenners der Sterberate nach Alter und Geschlecht ergeben sich die "alters- und geschlechtsspezifischen Sterberaten (bzw. -ziffern)".

Wachstumsrate der Bevölkerung

Veränderung der Bevölkerungszahl in einem Jahr in Prozent der Bevölkerungszahl am Anfang des Jahres. Bei konstanter Wachstumsrate ist das Bevölkerungswachstum "geometrisch" oder "exponentiell", bei steigender Wachstumsrate "hypergeometrisch".

Wanderungsbilanz (oder -saldo)

Differenz zwischen der Zahl der Zuwanderungen und der Abwanderungen in einem bestimmten Zeitraum (meist Kalenderjahr).

Wanderungsrate


Die Zuzugsrate (-ziffer) ist analog zur Geburtenrate als Zahl der Zuwanderungen auf 1000 Einwohner definiert. Entsprechend ist unter Fortzugsrate die Zahl der Abwanderungen auf 1000 Einwohner zu verstehen.

Zusammengefasste Geburtenziffer (-rate)

Englisch: Total Fertility Rate (TFR) misst die Zahl der Lebendgeborenen je Frau oder je 1000 Frauen, wobei der Einfluss der Altersstruktur auf die Geburtenzahl ausgeschaltet wird, indem in jedem Alter von 15 bis 45 ("gebärfähiges Alter") eine gleich große Gruppe von 1000 Frauen zugrunde gelegt wird. Die TFR lässt sich als Summe der altersspezifischen Geburtenziffern von 15 bis 45 berechnen. Sie gibt an, wieviel Geburten pro Frau entfallen, wenn eine gleich große Gruppe von je 1000 Frauen das gebärfähige Alter von 15 bis 45 in einem einzigen Kalenderjahr durchliefe und dabei die altersspezifischen Geburtenziffern dieses Jahres gelten würden.

Weblinks

Einführende Texte im Internet

Folgen des demographischen Wandels

Journale und Schriftenreihen

Bevölkerungsentwicklung in Deutschland

Forschung im deutschsprachigen Raum

Forschung in anderen Regionen

Lexika

Literatur

Der folgende Litaraturüberblick wurde zusammengestellt von Lucy Bangali:

  • Birg, Herwig: Die demographische Zeitenwende - Der Bevölkerungsrückgang in Deutschland und Europa, 3. Aufl., München 2003, 226 S.
    • (Einführung und Überblick über die Bevölkerungsentwicklung in Deutschland und Europa einschließlich der wichtigsten Auswirkungen auf die sozialen Sicherungssysteme, den Arbeitsmarkt, das Wirtschaftswachstum und andere Bereiche)
  • Birg, Herwig: Die Weltbevölkerung - Dynamik und Gefahren, 2. Aufl., München 2004, 143 S.
    • (Gestraffter Überblick über die Geschichte der Weltbevölkerung einschließlich der Wechselwirkungen mit der Wissenschaftsgeschichte der Demographie)
  • Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB): Bevölkerung. Fakten - Trends - Ursachen - Erwartungen. Die wichtigsten Fragen, Wiesbaden 2003.
    • (Dieses Sonderheft der Schriftenreihe des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung bietet die wichtigsten Grunddaten und Analysen zur Bevölkerungsentwicklung Deutschlands)
  • Deutscher Bundestag, Referat Öffentlichkeitsarbeit (Hrsg.): Enquete-Kommission Demographischer Wandel - Herausforderungen unserer älter werdenden Gesellschaft für den Einzelnen und die Politik (Reihe "Zur Sache", Nr. 3), Berlin 2002, 691 S.
    • (Der Bericht über die demographischen Grunddaten und die Vorausberechnungen bis 2050 behandelt das Themenfeld der demographischen Auswirkungen mit den Schwerpunkten: Generationenverhältnis, Arbeit und Wirtschaft, Migration und Integration, Alterssicherung, Gesundheit, Pflege und soziale Dienste und bietet zu jedem dieser Bereiche Analysen als Grundlage für politische Handlungsstrategien)
  • Deutsche Stiftung Weltbevölkerung (Hrsg.): Weltbevölkerungsbericht 2003. Junge Menschen - Schlüssel zur Entwicklung, Stuttgart 2003, 92 S.
    • (Deutsche Ausgabe des jährlichen Weltbevölkerungsberichts des UN-Bevölkerungsfonds)
  • Hauser, Jürg A.: Bevölkerungs- und Umweltprobleme der Dritten Welt, Stuttgart Bd 1 1990, 365 S., Bd 2 1991, 676 S.
    • (Informativer, breiter Überblick über die Auswirkungen der Bevölkerungsentwicklung auf die verschiedenen Bereiche der Umwelt, einschließlich von Konzeptionen für eine rationale Politik in den Industrie- und Entwicklungsländern)
  • Hessische Staatskanzlei (Hg.): Die Familienpolitik muss neue Wege gehen - 'Wiesbadener Entwurf' zur Familienpolitik, Wiesbaden 2003, 528 S.
    • (Aufsatzsammlung zu einer familienpolitischen Strukturreform des Sozialstaates mit Stellungnahmen von Verbänden und Wissenschaftlern)
  • Höpflinger, François: Bevölkerungssoziologie - Eine Einführung in bevölkerungssoziologische Ansätze und demographische Prozesse, Weinheim und München 1997, 232 S.
    • (Das Buch enthält fundierte Analysen des demographischen und gesellschaftlichen Wandels und stellt die wesentlichen theoretischen Erklärungsansätze des generativen Verhaltens, der Migration, der Mortalität und der Lebenserwartung dar)
  • Leipert, Christian (Hrsg.): Demographie und Wohlstand - Neuer Stellenwert für Familie in Wirtschaft und Gesellschaft, Opladen 2003, 304 S.
    • (Grundlegender Sammelband mit Aufsätzen über die demographischen Wirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft und die Reformvorschläge auf den Gebieten der Familien-, Sozial- und Wirtschaftspolitik)
  • Malthus, Thomas Robert: An Essay on the Principle of Population, London 1798 und 1803 (erweiterte Ausgabe). Deutsche Übersetzung von Chr. M. Barth: "Das Bevölkerungsgesetz", München 1977.
    • (Grundlegendes Werk der klassischen Periode der Bevölkerungstheorie. Die zweite, wesentlich erweiterte Ausgabe von 1803 enthält eine Fülle von statistischen Belegen und eine gründliche und detaillierte Darlegung der zentralen Thesen, die bis heute ihre Wirkung entfalten)
  • Schmid, Josef/Heigl, Andreas/Mai, Ralf: Sozialprognose - Die Belastung der nachwachsenden Generationen, München 2000, 213 S.
    • (Guter Einstieg und informativer Überblick über die Auswirkungen der demographischen Alterung und Bevölkerungsschrumpfung auf Staat, Wirtschaft und soziale Sicherungssysteme in Deutschland)
  • Süßmilch, Johann Peter: Die göttliche Ordnung in den Veränderungen des menschlichen Geschlechts, aus der Geburt, Tod und Fortpflanzung desselben erwiesen, Berlin 1741 und 1762 (erweiterte Ausgabe).
    • (Hauptwerk der klassischen Bevölkerungstheorie. Darin wird die Frage nach der "Tragfähigkeit der Erde" zum ersten Mal gestellt und auf eine in Methodik und wissenschaftlicher Herangehensweise beinahe moderne Art und Weise beantwortet)
  • Wingen, Max: Familienpolitik - Grundlagen und aktuelle Probleme, Stuttgart 1997, 485 S.
    • (Dieses Buch bietet Informationen und Anregungen für eine rationale Familienpolitik, es beschreibt international vergleichend die Ziele und die wichtigsten Maßnahmenbereiche, Träger und Wirkungen der Familienpolitik)
  • United Nations, Population Division (Hrsg.): Replacement Migration - Is it a solution to declining and aging populations? New York 2001, 151 S.
    • (Grundlegendes Werk mit demographischen Analysen und Projektionsrechnungen für acht Länder (einschließlich Deutschland) sowie für Europa und die Europäische Union, wobei die Frage im Zentrum steht, welche demographischen Folgen sich ergeben, wenn die durch Tod ausscheidenden Generationen nicht durch Geburten im Inland erneuert, sondern durch Einwanderungen aus dem Ausland ersetzt ("replacement") werden)

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