Politische Wirtschaftslehre
                                  &
                      Vergleichende Politikfeldanalyse

Verbaende

von Josef Schmid

Zusammenfassung


Verbände umfassen den interme­di­ären Raum zwischen der Le­benswelt des einzelnen und den Institutionen des politi­schen und z.T. auch des ökonomischen Sy­stems. Sie sind Zusammenschlüsse mit einer freiwilligen Mit­glied­schaft, übernehmen die Vertretung in­dividueller In­teressen und Be­dürf­nisse sowie in einigen Fällen die Pro­duktion von Dienstlei­stungen. Sie stellen ferner organi­sierte soziale Ge­bilde dar, was ein ge­wisses Ausmaß an interner For­malisierung und Strukturbildung sowie der Grenz­ziehung ge­gen­über der Umwelt impliziert und sie etwa von lockeren Bürgerinitiativen oder spontanen politischen Aktionen unterscheidet. Sie haben in modernen Gesellschaften durch die verfassungsmäßigen Grundrechte und die Koaliti­ons­freiheit eine legale Basis erhalten, in deren Rahmen sie Einfluss auf die Politik nehmen. Zu den Mitteln, die Verbände dabei einsetzen, gehören Informationspolitik (durch Stellungnahmen und Anhörungen), aber auch öffentlicher Druck und Demonstration sowie personelle Verflechtungen, Spenden, Lobbyismus bis hin zur Korruption.

In Verbänden findet die Viel­falt gesellschaftlicher Interessen ihren Ausdruckt; so umfasst etwa die "Lobby-Liste" des Deut­schen Bundestages über 1700 Einträge, Schätzungen über ihre gesamte Zahl liegen noch weit höher. Allerdings spiegeln sie nicht alle in der Gesellschaft vorhandenen Interessen wider, da manche nicht oder nur schlecht or­ga­ni­sierbar sind. Zugleich spielen die Ressourcen, die ein Verband zur Lösung bestimmter Probleme zur Verfügung stellen kann (etwa Expertise und Einrichtungen) eine Rolle. Daher be­steht zwischen einzelnen Verbänden ein Macht­gefälle, was zu kritischen Debatten über ihre Funktion und Legitimation geführt hat.

Die Vielzahl und Unterschiedlichkeit von Verbänden lässt sich in Anlehnung an von Alemann durch eine Ty­pologie gesellschaftlichen Hand­lungs­fel­der strukturieren. Diese umfassen

  1. Verbände im Wirtschaftsbereich und in der Arbeitswelt (z.B. Unter­nehmerverbände, Gewerkschaften, Konsumentenverbände)
  2. Verbände im sozialen Bereich (z.B. Sozialanspruchs- und Soziallei­stungsverbände, Selbsthilfegruppen)
  3. Verbände im Bereich Freizeit und Erholung (z.B. Sport- und Musi­k­vereine)
  4. Verbände im gesellschaftspolitischen Bereich (z.B. politische Gruppen, public-interst-groups).
  5. Verbände im Bereich von Religion, Kultur und Wissenschaft (z.B. Kirchen, Sekten, wissenschaftliche Verbände, Bildungswerke, Kunst­­vereine).

In der Realität übergreifen sie jedoch vielfach diese Eintei­lung und sind gleichzeitig in mehreren Handlungsfeldern aktiv bzw. teilweise auch wie bei den großen Dachverbänden aus mehreren, z.T. relativ unabhängigen Or­ganisationen zu­sammengesetzt.

Vier theoretische Ansätze

In Anlehnung an vier grundlegende theoretische An­sätze lassen sich verschiedene Struktur- und Handlungsmuster unterscheiden.

Pluralismusforschung

Verbände artikulieren und repräsentieren die unterschiedlichen Interessenlagen einer modernen, pluralistischen Gesellschaft und gelten als notwendiges Element im demokra­tischen Willensbildungsprozeß. Ihre Legitimität wird gerade auch gegenüber einem staat­lichen Souveränitätsdenken be­tont. Die Pluralismusforschung befasst sich intensiv mit den vielfältigen Aktivitäten von Interessengruppen und ihre Einflußnahmen auf staatliche Ent­scheidungen. Dabei betont eine v.a. in der Bun­desrepublik wichtige Neopluralismus-Schule die Bedeutung von (staatlich gesetzten) Verfahrensregeln der Kon­flikt­aus­tra­gung und die innere demo­kra­ti­sche Verfas­sung der Verbände.

Neokorporatismus-Ansatz

Im Unterschied dazu konzentriert sich der Neokorpora­tis­mus­-An­satz auf Verhandlung und die Durchführung ab­ge­stimm­ter Maßnahmen im Bereich der Wirtschafts- und Sozialpolitik. Im Mittelpunkt stehen v.a. die zentralisierten Großverbände wie die Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände, Landwirtschaftsverbände sowie Wohlfahrts- und Ärzteverbände und ihre Steue­rungs­po­ten­tiale. Zudem wird die verbandliche Selbstregulierung („Private Interessenregierungen“) wie z.B. in der technische Normung untersucht.

Systemtheoretische Ansätze

Systemtheoretische Ansätze beto­nen den Beitrag, den Verbände für das politische System lei­sten. Eine wichtige Funktionsbestimmung ist die der Integration sowie die Unterschei­dung zwischen Interessenaggregation durch Par­teien und die In­teressenartikulation durch Verbände. Die frü­hen Vertreter die­ser Richtung sind wegen ihrer statischen und systemstabilisie­renden Orientierung vielfach kritisiert wor­den; beispielsweise im Hinblick auf harmonische Gleichge­wichtsvorstellungen oder die Annahme, daß eine gewisse Apathie der Mit­glieder durchaus funk­tional sei.

Neue politische Ökonomie

Verbände und ihre Mitglieder werden ferner (v.a. in der neuen politischen Ökonomie) als Akteure werden betrachtet, die danach streben, ihren Nutzen zu maximieren. Ein sol­ches ratio­nales Ver­halten läßt jedoch die Mitarbeit in einem Verband als wenig effizient erscheinen, da die Ergebnisse der Verbandspoli­tik, etwa eine gesetzliche Regelung, häufig al­len Bürgern und nicht nur Mitgliedern zugute kommt. Besonders bei großen Ver­bänden wird dieses Trittbrettfahrer-Verhalten proble­matisch und muß seitens der Organisation durch selektive An­reize wie Zeit­schrif­ten, Beratung und andere Dienste ausschließlich für Mit­glieder kompen­siert werden. Auch das politische Verhalten und die gesamtge­sell­schaft­lichen Auswirkungen von Interessenorgani­sationen läßt sich nach diesem Argumentationsmuster erklären: kleine Verbände sind im Unterschied zu großen und umfassenden Organisationen eher in der Lage, Ko­sten abzuwälzen und verhindern dadurch ef­fiziente Entscheidungen in Politik und Wirtschaft.

Schluß

Insgesamt hat sich inzwischen die Vorstellung durchgesetzt, dass die Verbändelandschaft äußerst heterogen ist und nicht durch einen theoretischen Ansatz befriedigend zu erklären ist. Gegenwärtig fokussiert sich die Forschung zunehmend auf Krisenerscheinungen v.a. der Tarifparteien; bei diesen zeigt sich eine nachlassende Rekrutierungs- und Bindungsfähigkeit, was mit Schlagworten wie „Aussterben der Stammkunden“ oder „Tarifflucht“ signalisiert wird. Dies ist die Folge der gewandelten soziökonomischen und politischen Rahmenbedingungen einerseits und mangelnder organisatorischer Anpassung andererseits.

Literatur

  • Alemann, Ulrich von (1987): Organisierte Interessen in der Bundesrepu­blik; Opladen.
  • Schmid, Josef (1998): Verbände. Interessenvermittlung und Interessenorganisationen. Ein Lehr- und Arbeitsbuch, München.
  • Aus Politik und Zeitgeschichte B 26-27/00: Themenheft Verbände, Bonn 2000.
  • Martin Sebaldt (1997): Organisierter Pluralismus. Kräftefeld, Selbstverständnis und politische Arbeit deutscher Interessengruppen, Opladen.

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